Bund Heimat und Volksleben e.V. - Trachtenleitlinien
   

Trachtenleitlinien
   
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Die Tracht im Wandel der Zeit

 

Schon der bayrische "Märchenkönig" Ludwig II. war von der Schönheit der Trachten

begeistert und ließ über seine Behörden die Gemeinden auffordern, Vereine zur Erhaltung der Volkstrachten zu gründen. Dies ist 1883 zuerst in Bayrischzell und in Miesbach geschehen; in der Folge dann noch in vielen weiteren Orten. Auch im Südwesten beklagte sich der badische Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob wenig später in einem engagierten Aufruf über das Schwinden der überkommenen bäuerlichen Kleidung und forderte dazu auf, sich zum Kleid der Vorfahren zu bekennen.

Wer erhalten will, wer etwas Vergehendes beschwören möchte, der ruft zur Pflege auf, in diesem Fall zur Trachtenpflege. Dieser Appell an das öffentliche Bewußtsein verdeutlicht zugleich den Wendepunkt in der süddeutschen Trachtengeschichte. Vor mehr als hundert Jahren hat sich beim selbstverständlichen Trachtentragen der ländlichen Bevölkerung eine Bruchstelle aufgetan, die einen Brückenschlag von dem Unreflektierten, dem Gewohnten hinüber zum bewußten Eintreten erforderlich gemacht hat.

Die Volkstracht als Zeichen sozialer und landschaftlicher Zugehörigkeit verliert immer mehr an Bedeutung, sie wird zu einer Kleidung, die man in ihrer festlichen Ausformung nur noch bei besonderen Anlässen anlegt.

Seit dem 16. Jahrhundert, so ist erwiesen, bildet sich allmählich eine eigene bäuerliche Tracht heraus, während die Kleidung des Landmannes zuvor sich durch gröberes Material , dunklere Farben und weniger Schmuck von den Gewändern der anderen Stände abgesetzt hat.

In den folgenden Epochen sorgen immer genauer vorschreibende Kleiderordnungen dafür, dass der städtische Handwerker und Bürger weiß, welcher Rock sich ihm geziemt, und dass jeder Bauer weiß, welchen Kleiderluxus er sich allenfalls erlauben darf, wenn er es sich überhaupt leisten kann. Die Bauerntrachten wie wir sie heute kennen, entwickelten sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts, teils mit vielen Unterscheidungen, nicht nur in den Wechselformen Alltags- und Sonntagstracht oder Festkleid. Die Wechselformen waren bestimmten Tagen zugeordnet: diese Zuordnung richtete sich nach der Bedeutung des jeweiligen Tages und nach dem jeweiligen Vorhaben des Trachtenträgers. Dazu kamen noch Unterschiede in der Aufmachung der Verheirateten und Unverheirateten; der Jungen und Alten sowie bei kirchlichen und weltlichen Anlässen. Die Tracht brachte zum Beispiel auch zum Ausdruck, ob man in Trauer war oder nicht.

Tracht und Mode, Herkommen und ständige Veränderung, sind wohl ein Gegensatzpaar, schließen sich jedoch nicht aus. Jede Tracht hat sich in der Folgezeit immer wieder den Bedürfnissen der Träger angepaßt und hat Mode-Impulse mehr oder weniger aufgenommen. Man denke nur an die Kniehosen und den Dreispitz des

18. Jahrhunderts. Aber auch das Biedermeier hat seine modischen Formen beigesteuert.

Bereits einige Jahrzehnte vor den ersten Aufrufen zur Trachtenerhaltung hat sich etwas Entscheidendes getan, das auch seine Auswirkungen auf die Kleiderordnung, auf das Zeichen der ständischen Zugehörigkeit gehabt hat: die Französische Revolution hat die abendländische Welt erschüttert. Der vorher umrissene Gegensatz Stadt - Land wird aufgehoben, nachdem alle ständischen Unterschiede beseitigt sind.

Warum legten vor über hundert Jahren immer mehr Landbewohner - nicht nur Bauern- das angestammte Gewand ab und fügten sich der Mode? " Der Aufschwung von Technik und Verkehr wälzte die ganze Volkswirtschaft um und veränderte das alltägliche Leben. Fabriken schossen aus dem Boden und brachten guten Verdienst. Der Handel blühte auf und schaffte neue Erzeugnisse auf den Markt. Unter dem Überhandnehmen der Maschine geriet das Handwerk in Not. Das Hausgewerbe wurde vernachlässigt. Die Spinnräder und Handwebstühle in den Bauernstuben und Webkellern verstummten allmählich und standen schließlich still, denn die Bäuerinnen pflanzten keinen Hanf und Flachs mehr an. Die Stoffe für den ihren Hausbedarf wurden beim Krämer oder auf dem Markt gekauft. Immer mehr drang die Allerweltsmode auch in entlegene Landschaften und Täler und verdrängte schließlich die überlieferten Trachten bis auf wenige Überreste."

So gibt es heute nur noch sehr wenige Ortschaften, in denen die Tracht noch "lebt", d.h. dass die Tracht - nur noch von den Frauen - im Alltag und an den Festtagen getragen wird (z.B. im Harmersbachtal, Kinzigtal, Elztal, Glottertal, St. Peter, St. Märgen usw.). Nach einem erneuten Trachtenrückgang in den 50er und 60er-Jahren des

20. Jahrhunderts konnte etwa ab 1975 ein enormer Aufschwung im Trachtentragen verzeichnet werden, was allerdings auf die Trachtenvereine beschränkt ist. Sicherlich hat hier der anwachsende Fremdenverkehr in den zurückliegenden Jahren dazu beigetragen, dass sich immer mehr Vereine eine Tracht zulegten.

Hinzu kommt aber auch der Wunsch eines jeden Trachtenträgers, durch die Tracht äußerlich seine Verbundenheit zur Landschaft und den darin lebenden Menschen zu zeigen.

Ursula Hülse

Denzlingen

 

   
   
   
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